New Work – Die Arbeit der Zukunft ist mehr als ein Obstkorb im Büro

Live, Work, Create - Beitragsbild New Work

New Work bezeichnet die neue Arbeitswelt und ist heute als Schlagwort allgegenwärtig. In Deutschland fing die Diskussion um die Arbeit der Zukunft mit der Digitalisierung der Arbeitswelt an und wurde in der Pandemie durch zunehmende Möglichkeiten des ortsunabhängigen Arbeitens weiter bestärkt. Die Ursprünge des Konzepts sind allerdings weitaus älter und die Idee hinter New Work ist deutlich umfassender, als sie heute oftmals ausgelegt wird.

Schreibtisch mit Tastatur, Stiften, Block und Brille - Beitragsbild New Work auf dem Blog headofgoodlife.de

Wie soll ich leben, wenn ich mein Leben nicht versäumen, sondern es tatsächlich leben will?“

Mit dieser nicht ganz einfachen Frage hat sich der Philosoph und Anthropologe Frithjof Bergmann beschäftigt. Er gilt als Begründer der New Work Bewegung und das bereits seit den 1970er Jahren. Die Neue Arbeit verstand er als einen Gegenentwurf zur Lohnarbeit.

In Bergmanns Verständnis ist Lohnarbeit ein Relikt vergangener Zeiten. Sie trage zur Spaltung der Gesellschaft bei, raube den Menschen die Lebensenergie und sei wie eine „milde Krankheit“, die die Menschen irgendwie ertragen. Gleichzeitig könne Arbeit grundsätzlich aber auch etwas sinnstiftendes sein. Arbeit könne Kraft geben und die Menschen ins Leben hineinziehen.

New Work ist nach Bergmann eine bewusst gewählte und wirklich gewollte Arbeit, die individuelle Bedürfnisse ins Zentrum stellt. Durch Neue Arbeit soll ein modernes, selbstbestimmtes, friedliches und erfülltes Leben entstehen können.

Der Weg zu New Work führt über das Individuum, indem jeder einzelne für sich herausfindet, was man „wirklich, wirklich will“. Dass das keine leichte Aufgabe ist, wusste auch Bergmann selbst: „Die meisten Menschen haben keine Ahnung, was sie wollen. Sie sind arm an Begierde.“

Wie sieht New Work nun aber ganz konkret in Bergmanns Vorstellung aus? Er entwickelte dafür ein Drei-Säulen-Modell bestehend aus

  • weiterhin praktizierter Lohnarbeit, die ein fixes Gehalt sicherstellt und nicht unbedingt der beruflichen Erfüllung dienen muss,
  • gemeinschaftlicher Arbeit, um Dinge für den eigenen Bedarf in kleinen Werkstätten selbst herzustellen und
  • schließlich dem Calling, also der Arbeit, die der eigenen Berufung entspricht und nicht dem Lohnerwerb dienen muss.

Was das für die Praxis bedeutet, erfährt man bei Bergmann allerdings nicht so ganz genau. Er räumt auch ein, dass das Modell nicht für alle Menschen funktionieren kann. Soweit also der theoretische Hintergrund. Die Digitalisierung und die Möglichkeiten für ortsungebundenes Arbeiten sorgen heute auch praktisch dafür, dass mehr Freiräume entstehen. Das ist ganz im Sinne Bergmanns. Gleichzeitig betonte er mit Blick auf die aktuelle Entwicklung, dass die heutigen Versuche, New Work einzuführen, zu kurz greifen würden. Die Arbeit würde von Firmen nur oberflächlich angenehmer gestaltet. Letztlich sei es die alte Form der Lohnarbeit, die lediglich etwas attraktiver erscheine.

Wand mit gelben Post-its - Beitragsbild New Work auf dem Blog headofgoodlife.de

Was lässt sich daraus für unsere heutige Arbeitswelt ableiten?

Bei New Work geht es im Kern also um eine andere Mentalität und Kultur in Unternehmen, aber auch um die Sinnsuche eines jeden einzelnen. Die Umsetzung dessen lässt sich heute beispielsweise durch die Etablierung (neuen) Arbeitsorte wie Co-Working-Spaces oder der Selbstverständlichkeit von Homeoffice beobachten. Auch neue Arbeitsmethoden sind immer verbreiteter. Agile Methoden wie Scrum oder Design Thinking haben das traditionelle Projektmanagement an vielen Stellen bereits abgelöst.

Gleichzeitig wird der Begriff New Work heute häufig für jegliche Veränderungen im Rahmen unserer Arbeitswelt verwendet, ohne dabei der ursprünglichen Idee zu entsprechen. Die Digitalisierung und die räumliche Ungebundenheit führen nicht automatisch zu mehr Selbstbestimmtheit und Freiheit in der Arbeit, wie Bergmann es im Sinn hatte. Im schlimmsten Fall führen die Strukturen der vermeintlich neuen Arbeitswelt eher zum Gegenteil: Nämlich zu einer vollkommenden Entgrenzung von Erwerbsarbeit und Privatleben. Das kann dann passieren, wenn zwar die Flexibilität der neuen Arbeitswelt ermöglicht wird, aber gleichzeitig die Anwesenheits- und Meetingkultur der alten Arbeitswelt beibehalten werden. Das führt schließlich zu einer Arbeitswelt, die den einzelnen noch stärker einnimmt und kaum Raum für gesellschaftliche Teilhabe lässt. Für wirkliche neue Arbeit, braucht es also noch mehr, als einen Kicker im Büro und die Möglichkeit, auch am Abend vom Sofa aus E-Mails zu beantworten.

Die Balance von Beruf und Berufung

Bergmanns Idee von New Work war es wohl, die Arbeit, die einem den Lebensunterhalt sichert in eine gute Balance zu bringen mit der Arbeit, die einen erfüllt. Die Vorstellung war, dass sich in der Konsequenz neue Beschäftigungsfelder auftun würden. Was heute aber eher unter New Work verstanden wird, ist aus meiner Sicht genau das Gegenteil: Die Berufung soll zum lohnbringenden Beruf gemacht werden. Die intrinsische Motivation steht dadurch so sehr im Fokus, dass die Identifikation als Person vollkommen über die Rolle bei der Arbeit erfolgt. In einem modernen Arbeitsumfeld mag das auf den ersten Blick attraktiv wirken. Langfristig birgt das aber umso mehr die Gefahr, durch die Arbeit auszubrennen.

Quellen

https://newwork-newculture.dev/

https://t3n.de/magazin/new-work-urvater-frithjof-bergmann-alte-mann-mehr-247621/

https://t3n.de/magazin/neue-alte-arbeitswelt-gehen-zusammen-new-work-experte-244331/

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